PETER OCHSNER
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Heimaturlaub

8/11/2025

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​Seit ​Mitternacht bewege ich mich wieder in meinem Alltag. Nach über 12 Jahren Unterbruch verbrachte drei Wochen ich mit meiner Familie in der Schweiz. Wir alle aussetzten uns einer besonderen Art Heilung, deren eigentlich niemand bedurfte, jedenfalls eine Medizin, die der Seele guttut.

Müde war ich, gut geschlafen habe ich und das morgendliche Ritual, mit dem Hund raus zu gehen, schon getan. Nun bereite ich mein Frühstück und höre Musik. Heute ist es Country. Vor der Reise waren es eher klassische, schwierige Stücke von Wagner, Bruckner oder auch Mahler. Tiefgreifend suchen meine Gedanken während der Küchenzeit jeweils Kreativität, heute hungert es mich nach Sinnlichkeit, jene einer wiederauflebenden Vergangenheit.

Vor mir liegt die rosa-rote Papiertüte mit dem Magenbrot. Ich schiebe mir das letzte Stück in den Mund, es schmeckt wie damals, wenn Vater uns damit bescherte. Die Zeit vermochte an dieser immensen Erfahrung nicht zu rütteln, im Gegensatz zum Glarner Schabziger, den ich besonders gerne mag. Da ist die Geschmacksausrichtung nicht mehr gleich. Schwer zu sagen, was der Grund dafür ist, mit Sicherheit aber ist die Zeit daran beteiligt.

Ich durfte während den drei Wochen in der Wohnung meiner älteren Schwester nächtigen. Unser Frühstücksritual war immer geprägt von weißt du noch… Geschichten und den News aus dem Radio, besonders die von Mr. Trump in einem unkontrollierten Wutanfall verhängten, ergo überhöhten Zollabgaben. Wir suchten nach Sinn, kritisierten die Reaktionen unseres Bundesrates. Ebenso gab das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest viel zu reden. Wir konnten vom Balkon aus die werdende Arena für die auf Ende August veranschlagte Veranstaltung einsehen. Besonderes Interesse einbrachte der Aufbau von Max. So benannt, ein monströses Tier, ein Muni aus Holz. Allerdings verirrten wir uns nicht in der Versuchung herauszufinden, ob in der Namensgebung ein Zusammenhang mit unserem Vater, auch unserem Bruder, beide begütert mit demselben Namen, auffindbar ist.

Im Vorfeld der Reise überkamen mich Zweifel, ob und wie ich mich in der sehr unterschiedlichen Lebensform der Menschen in der Schweiz zurechtfinden werde. Ich lebe hier in Kenia in einem organisierten Chaos. Nun, in meiner Küche hier in Nairobi, erfahre ich rückblickend, dass weder das Schwingfest noch die Strafzölle, oder sonst irgendetwas, sondern einzig und allein unser Zusammensein von wirklicher Bedeutung war. Beim Kartenspiel, dem Jassen, beim Feste feiern, beim Diskutieren spürte ich, wie feste der Zusammenhang in unserer Familie wirklich ist. Da vorherrscht eine gewisse Weisheit, die lehrt, wie man Fehler des Einzelnen richtig behandelt. Und wieder ist es die Zeit, wir sind ja alle schon ein bisschen in die Jahre gekommen, die uns die Fähigkeit weise zu denken und zu handeln ermöglicht. Mein Instinkt sagt mir, dass auch jene der zwei nachfolgenden Generationen dieser Verhaltensweise unbewusst, gebührend jedenfalls, nachleben. Ich bin fasziniert von der Denkweise der ungefähr zehnjährigen Kinder. Sie beschäftigen sich mit Dingen, far off der gegenwärtig so extrem im Angebot stehenden Abhängigkeit durch die sozialen Netzwerke.

Daraus folgere ich. Wir, meine Generation, dürfen stolz sein, die Urheber einer derartigen Entwicklung zu sein. Der vorherigen Generation müssen wir Ehrerbietung zollen. Sie mussten in einem chaotischen Umfeld gedeihen. Ihr Lebensstil ermöglichte uns die Erkennung von falsch und richtig, Erkennungsmerkmale, die nun auch der Nachkommenschaft eigen sind. Damals war das falsche vom richtigen noch säuberlich getrennt. Heute ist das nicht mehr der Fall. Im öffentlichen Leben, besonders in der Politik, wird die Falschheit bewusst richtig gemacht, im Sinne von, man denkt und handelt bewusst falsch und zwingt die Menschen diese Falschheit als richtig zu anerkennen. Ich denke, unsere Kinder wissen es besser, sie sind in der Lage, die Wertigkeit von richtig zu erspüren.
 
Gerade spielt der Song Sunday Morning coming down von Kris Kristofferson. Er erzählt darin von einem besonderen Gefühl, das die Leidenschaft suchenden am Sonntag überkommt. Als kleiner Junge vermochte ich eben gleiches intensiv wahrzunehmen. Mutter kochte an Sonntagen immer ausgiebig und nach dem Essen kehrte Ruhe ein, in der alten Traube in Oberurnen. Vater legte sich aufs Kanapee und ich streifte ums Haus herum oder suchte Forellen im Dorfbach. Über diesem ziellosen Herumgehen schwebte dieses Verhängnis, diese Eigenart des Sonntags. Sogar die Geräuschkulisse war unterschiedlich, da niemand zugegen war. Später bewunderte ich den Kunstflieger am Himmel. Der Direktor einer im Nachbardorf ansässigen Firma unterbrach die Verschwiegenheit des Sonntags mit seinem Doppeldecker. Meine Augen, die Ohren auch, folgten dem zum Sonntag gehörenden Vergnügen.
 
Wir alle sind unseren angeborenen Eigenschaften irgendwie ausgeliefert. Nachfolgend dieser Bestückung bestimmen Belehrungen die Entwicklung. Leider hat sich dieser Lernprozess als falsch erwiesen. Das gegenwärtige Weltbild ist der Beweis. Somit sind es die Zehnjährigen dieser und jeder nächsten Generation, die den Untergang verhindern müssen, vorausgesetzt man gibt ihnen die Chance, falsch und richtig in Abhängigkeit zur Zeit, bestimmend zu erkennen. Retrospektiv glaubte ich, im damaligen Sonntagsgefühl alle möglichen Emotionen als kausale Erklärung zu finden. Ebenso könnte diese Art von sonntäglicher Gefühligkeit der Grundgegebenheit des menschlichen Lebens, der wirklichen Erkennung von Falsch und Richtig, effektiv die nur richtige Gedankenausrichtung, geführt vom Protagonisten Zeit dienlich sein.        
 
Ich schaue zuversichtlich in die Zukunft. Mein kurzer Aufenthalt in der Schweiz zeigt auf, wie eine kleine Minderheit, junge Menschen, das moderne Miterleben ins Elend pragmatisch einzuschätzen wissen. Sie erkennen die Falschheit der Sozialtechnik und spüren, was richtig sein müsste. Heute Morgen, nach dem Spaziergang, bemerke ich beim Nachbarhaus einen jungen Mann mit Dreadlocks zusammen mit einem älteren Herrn. Sie überqueren die Straße. Rührend bemüht sich der junge Bob Marley Verehrer um den gebrechlichen, führt ihn ans Auto und hilft ihm beim Einsteigen. Und weg fahren sie. Beeindruckt halten wir inne und erfahren peu à peu, wie das Geschehene die Umgebung mit Empathie ausfüllt.  Vorauszusehen ist, dass die Alten, die das Weltgeschehen bestimmen, den Weltkarren noch tiefer in den Dreck fahren werden. Es muss so sein, ist irgendwie vorbestimmt. Durch das wirkliche Erkennen der Falschheit wird unsere Jugend lernen, richtig zu denken und zu handeln. Ich bin froh gestimmt, bin überzeugt, dass sie diesen vermaledeiten Karren aus dem Dreck befreien werden.
 
Peter Ochsner
im August 2025
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